Montag, 8. Juni 2009

Senf 8


Entschuldigt die Verspätung, Kinners,

aber der Grund, warum ich so lange nicht geschrieben habe ist, dass es keinen Grund zum Schreiben gab.

Gerade habe ich es mir mal mit einer Tasse Tee und meinem Fieber gemütlich gemacht und reflektiere die letzten paar Wochen.
Jupp, einmal im Jahr steht die obligatorische Fieber Woche an. Dann bin ich irgendwo zwischen Delirium und Koma.
Also entschuldigt mich, wenn die nächsten paar Zeilen ein Stück weit zu wirr werden.
Aber das seid ihr ja eh gewohnt, von daher...

Ich glaube, ich habe letztes Wochenende das atemberaubendste, einzigartigste und überhaupt schönste Fleckchen Erde entdeckt, den Yeliu Nationalpark im Norden Taiwans, vielleicht eine Stunde von Taipei entfernt.

Auf einer minikleinen
furzigen Halbinsel ist der Zufall durchgeknallt und hat eine Unmenge von absolut hinreißender, märchenhafter und surrealer Naturbombem explodieren lassen.
Man findet hier ganz bizarre Felsformationen, die unbegrü
ndet berühmteste trägt den Namen "Queen's Head", da sie aus einem bestimmten Blickwinkel tatsächlich wie das Profil der Nofretete aussieht. Und was mich ganz besonders fasziniert, ist der Umstand, dass diese Formation nur noch 10, vielleicht 15 Jahre bestehen wird, da der Hals immer dünner wird und irgendwann, besonders nach Erdbeben die Last des Kopfes nicht mehr tragen kann.
Da hat es Millionen von Jahren gebraucht, diese Form zu kreiiren und es könnte bald schon eine ganz andere, vielleicht wieder umso interessantere Gestalt annehmen. Ich liebe die Vergänglichkeit.

Aber auf Yeliu gibt es noch so viel mehr zu sehen, alleine die Farben sind unbeschreiblich, die Küsten königlich und die verschiedenen Aussichten schlichtweg umwerfend.

Ich habe
keine eig
enen Bilder für euch, da ich meiner Natur nach mal wieder meine Kamera geschrottet habe. Ein Hoch auf die Technik. Trotzdem hier ein kleiner Link und ein paar geklaute Bilder, nur damit ihr Euch in etwa vorstellen könnt, was mich so ungemein beeindruckt hat.

Und dann noch etwas, worüber ich mich stündlich beschweren könnte und es auch mache:
Fotoapparate.

JEDER hat IMMER eine Kamera im Gesicht. ÜBERALL.
Ich sehe mehr Linsen als Gesichter, vor allem wenn ich in der Natur bin.
Ich habe mich damit abgefunden, hier in der ganzen Zeit kein einziges Mal alleine zu sein, immer Leute und einen gewissen Lautstärkepegel von Gebrabbel um mich zu haben.
Aber was mir wirklich den letzten Nerv rauben wird, ist der Fake Sound des digitalen Auslösers einer Kamera.

Es scheint uns enorm wichtig zu sein Fotos zu machen. Für die gesammelte Verwandtschaft, für die Freunde, für das Alter Ego im Internet, die Nachbarn, die Haustiere,... Wir müssen ja zeigen, wo wir gewesen sind...oder beweisen, dass wir da waren.
Dann kommt nämlich hinzu, dass immer jemand vor der Linse stehen muss, immer Zähne fletschend und optional mit Peace Gruß oder Bunnyohren. Und es muss schnell gehen, wir haben ja keine Zeit. Also lieber noch fix ein Foto machen bevor wir gehen müssen. Die Qualität der Bilder ist dabei natürlich wirklich egal. Und da wir alle unsere eigenen 1000 Bilder schießen, gibt es auch keine Postkarten mehr. Die Postkartenindustrie in Nordtaiwan stirbt aus, ich schwöre es.

Ich frage mich, ob die Leute sich überhaupt mit eigener Kraft erinnern können, an welchen Orten sie waren oder ob sie dabei erst ihr digitales Gedächtnis anschalten müssen.

Ich meine, warum nehmen wir nicht einfach mal die Kameras aus dem Gesicht? Sind die eigenen Erinnerungen nicht viel schöner, individueller und einzigartiger als eine Ansammlung von Pixeln?

Versteht das nicht falsch: ich bin extrem begeisterungsfähig, was gute Fotographie angeht. Aber nur ein Foto zu machen, um ein Bild zu haben... das geht auch anders.
Da muss die Magie eines Moments nicht mit dem Auslöser der Kamera geköpft werden.


Auch als ich vor einiger Zeit zu einem wirklich sehr berühmten und wunderschönen Sonnenaufgang im Alishan Gebirge in Zentral Taiwan gereist bin, ist mir trotz dem kleinen Wunder der Natur fast der Kragen geplatzt.
Ja, es kann einem die Stimmung versauen, wenn du dir den Sonnenaufgang mit mindestens 1500 anderen Menschen (kein Witz) und 2000 gleichzeitig klickenden Kameras teilen musst. Und dazu noch der nette Herr, der sich die Freiheit nimmt zu dieser Uhrzeit ein paar Geschichten über Gott und die Welt übers Megaphon zu grölen. Guten Morgen Sonnenschein, es könnte so romantisch sein!

Da hilft nur eins: der Retter in der Not, der Held der Moderne, der Überflieger der Technik -

mein MP3 Player!

In letzter Sekunde konnte ich meine explosionsgefährdete Stimmung mit einem gekonnten Hieb umwuchten. Und so kam die Universalmedizin zum Einsatz, auch "In Rainbows" genannt, Radioheads aktueller Faustschlag ins Herz. Zu dem Lied "Reckoner" vielleicht demnächst ein wenig mehr.
Hier erstmal ein Schmankerl, dass ihr euch bei Interesse zu Gemüte führen könnt: der Auftritt von Radiohead bei den diesjährigen Grammys mit dem Kracher "15 Step" (wer weiß eigentlich noch nicht, dass 15 meine Glückszahl ist?!). Holen die sich mal eben 'ne Marching Band auf die Bühne.





So, jetzt werd ich mir erst mal den Abgang ins Bett genehmigen und hoffentlich baldigst mit kühlerem Kopf mal wieder schreiben.


Bis dahin,

alles erdenklich Gute und ne dicke Umarmung, für die, die eine wollen oder gebrauchen können,


Annett

2 Kommentare:

Tine hat gesagt…

Hallo Annettchen,

ich hatte gerade ne Gänsehaut beim Lesen.
...und nehm die Umarmung gern an!!!
Ich wünsche dir gute Besserung und der Welt das Aussterben der DigiCams - es lebe die Stille und der Genuss!!!

Hab düsch lüb
DieTine

hueco hat gesagt…

Ein Hoch auf diese Aussage: "Da muss die Magie eines Moments nicht mit dem Auslöser der Kamera geköpft werden." Einfach wunderbar.